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Autonomie im Konflikt

Ein persönlicher Leseweg durch Peter Kreppers Buch

Im März dieses Jahres habe ich das Buch Autonomie im Konflikt von Peter Krepper erhalten – mit einer persönlichen Karte des Autors. Es war ein besonderer Moment: ein Werk über Mediation und Autonomie, zugesandt von jemandem, der selbst seit vielen Jahren in der Praxis und im Diskurs der Konfliktbearbeitung steht.

Nun, ein halbes Jahr später, im Oktober, blicke ich auf meinen Leseweg zurück. Ich habe mir bewusst Zeit genommen. Nicht, weil das Buch schwer verständlich wäre, sondern weil es ein Werk ist, das zum Innehalten, Wiederlesen und Reflektieren einlädt. Ein Buch, das nicht nur gelesen, sondern begleitet werden will.


Konflikte als Lernfelder

Peter Krepper stellt gleich zu Beginn klar: Konflikte sind kein Betriebsunfall menschlichen Zusammenlebens. Sie sind Lernfelder. Sie zeigen, wo wir als Individuen, als Teams und als Gesellschaft stehen – und welche Entwicklung möglich ist.

Autonomie im Konflikt bedeutet dabei nicht Rückzug oder Abgrenzung, sondern die Fähigkeit, bei sich selbst zu bleiben, ohne das Gegenüber zu verlieren. Genau hier liegt die Spannung, die Mediation fruchtbar macht: das Aushalten von Widersprüchen, das Anerkennen von Differenzen und die Suche nach Wegen, die nicht im Kompromiss verharren, sondern neue Möglichkeiten eröffnen.


Ein Dialog zwischen Praxis und Philosophie

Das Besondere an Kreppers Ansatz ist die Verknüpfung von Praxis, Theorie und persönlicher Haltung. Er schreibt nicht als neutraler Techniker, sondern als erfahrener Begleiter, der Philosophie, Theologie, Rechtswissenschaft und Psychologie miteinander ins Gespräch bringt.

So wird sein Buch selbst zu einer Art Mediation:

  • zwischen unterschiedlichen Disziplinen,
  • zwischen Denken und Fühlen,
  • zwischen Alltag und Grundfragen menschlicher Existenz.

Er greift auf Stimmen wie Rilke, Max Frisch oder Sloterdijk zurück – nicht als Schmuck, sondern als Resonanz. Dadurch wird das Werk mehr als ein Fachbuch: Es ist ein Resonanzraum, in dem sich Gedanken entfalten dürfen.


Empathie, Macht und Resonanz

Ein zentrales Thema ist die Rolle von Empathie in Konflikten. Empathie gilt oft als Allheilmittel – doch Krepper zeigt die Grenzen auf:

  • Empathie kann in Identifikation umschlagen und damit die Neutralität gefährden.
  • Der/die Mediator:in ist Resonanzkörper, aber nicht Partei.
  • Empathie braucht Distanz, Reflexion und methodische Klarheit.

Ebenso beleuchtet er Machtasymmetrien. Autonomie im Konflikt heißt nicht, Macht zu ignorieren, sondern sie sichtbar zu machen und für faire Verfahren auszubalancieren. Das ist anspruchsvoll, gerade in Wirtschaft und Organisationen, wo Hierarchien und Interessenlagen das Konfliktfeld bestimmen.


Gewaltfreie Held*innen

Besonders inspirierend fand ich das Kapitel über „Gewaltfreie Heldinnen“. Krepper benutzt den Begriff nicht als moralische Überhöhung, sondern als Einladung: Heldinnentum im Konflikt zeigt sich im Verzicht auf Gewalt und Zwang, im Mut, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, und in der Bereitschaft, die eigene Perspektive immer wieder zu hinterfragen.

Gerade für Führungskräfte und Organisationen ist das relevant. Held*innentum bedeutet nicht, immer die Lösung parat zu haben, sondern den Raum zu öffnen, in dem andere Lösungen entstehen können.


Nachsorge inklusive – Qualität als Haltung

Ein Aspekt, den ich in Fachliteratur oft vermisse, spricht Krepper deutlich an: die Nachsorge. Mediation endet nicht mit einem Vertrag oder einer Einigung. Konflikte wirken nach, Beziehungen brauchen Zeit, Reflexion will Raum.

Krepper fordert eine Qualitätskultur in der Mediation:

  • Feedbackschleifen,
  • Evaluation,
  • kritische Selbstreflexion.

Damit Mediation nicht zu einem reinen „Instrument zur Kostenreduktion“ verkommt, sondern ihrem eigentlichen Anspruch gerecht wird: Menschen in ihrer Autonomie und Beziehungsfähigkeit zu stärken.


Schuld, Vergebung und Gnade

Besonders eindrücklich ist Kreppers Auseinandersetzung mit Schuld- und Vergebungslogiken. Er zeigt: Schuldzuweisungen verengen, während Vergebung Räume öffnen kann. Nicht im Sinne billiger Harmonie, sondern als Entscheidung, sich nicht an Verletzungen festzuklammern.

Hier verbindet er religiöse Bilder mit moderner Konfliktarbeit: Vergebung und Gnade sind keine theologischen Reste, sondern wichtige Kategorien für Autonomie. Denn Autonomie heißt auch, frei werden zu können – von Schuld, von alten Mustern, von destruktiven Dynamiken.


Epilog – Autonomie als Weg

Im Epilog wird deutlich: Autonomie im Konflikt ist kein erreichter Zustand, sondern ein lebenslanger Weg. Es geht nicht darum, jemals „fertig“ zu sein, sondern darum, immer wieder neu zu lernen, zu reflektieren und sich einzulassen.

Damit bleibt das Buch offen. Es ist kein Handbuch mit Rezepten, sondern eine Einladung, Konflikte als Chancen zur Persönlichkeitsbildung und zur gesellschaftlichen Weiterentwicklung zu begreifen.


Was bleibt

Nach sechs Monaten mit diesem Buch nehme ich drei Kernbotschaften für meine Arbeit und mein Leben mit:

  1. Konflikte sind Lernfelder. Sie zeigen, wo wir stehen, und fordern uns auf, weiterzugehen.
  2. Mediation braucht Haltung. Mehr als Techniken zählen Achtsamkeit, Mut und Selbstreflexion.
  3. Autonomie ist ein Weg. Kein Zustand, sondern eine Übung – individuell wie gesellschaftlich.

Persönliche Note

Ich habe dieses Buch nicht nur gelesen, sondern auch begleitet. Es hat mich inspiriert und gefordert, manchmal irritiert, oft gestärkt. Es wäre mir eine Freude, Peter Krepper in naher Zukunft persönlich zu begegnen – um diese Gedanken im direkten Austausch weiterzuführen.

👉 Mehr Informationen zum Buch finden Sie hier: Peter Krepper: Autonomie im Konflikt

Hinweis

Ich habe dieses Buch selbst erworben. Meine Einschätzungen spiegeln meine persönliche Leseerfahrung wider.

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